Der befreite Kimono 

Es gibt ein Zitat das Michelangelo zugesprochen wird „Der David war immer schon da. Ich musste lediglich den überflüssigen Marmor um ihn herum entfernen.“ So ging es mir mit diesem zauberhaften Kirschblütenstoff. In der weichesten, schönsten Viskosejerseyqualität,  die mir je begegnet ist.

Es ist schon ein paar Jahre her, mein erster Besuch auf einem holländischen Stoffmarkt. Der einzige Stand bei dem ich mich wirklich für die Stoffe begeistern konnte. Und dann begegneten wir uns, der Stoff und ich. Und es war Liebe auf den ersten Blick. Eine teure Liebe allerdings. Ich habe mich gegen jede Vernunft dazu entschieden ihn mit nach Hause zu nehmen. Irgendwie war mir klar, dass wir so gar nicht zueinander passten. So ist das manchmal mit den spontanen, großen Gefühlen, nicht wahr? 

Jedenfalls nahm ich ihn mit, wusch und verwahrte ihn sorgfältig und streichelte ihn alle paar Monate. Immer und immer wieder grübelte ich was ich aus ihm machen sollte, ich wollte ihn so gerne tragen und der Welt diesen Schatz zeigen. Doch wann immer ich ihn um mich drapierte mit einer Schnittmusteridee im Kopf fühlte sich das falsch an. Und für etwas falsches war er einfach zu kostbar. Auf jede erdenkliche Art.

Das Flüstern der Kirschblüte

Was mich aber immer mal wieder beschlich war der Gedanke an einen Kimono. Zart, sanft, weich, Träume an die Heimat dieses wundervollen Motivs weckend, das fühlte sich richtig an. Aber das würde heißen, dass ihn kaum jemand zu Gesicht bekäme. Verstecken wollte ich meine Liebe nicht… und so vertagte ich diese Entscheidung und haderte hin und her.

Eines verschlafenen Sonntag vor kurzer Zeit packte mich dann plötzlich der Mut. Es sollte so sein. Ich wollte ihn so sehr. Und er wollte so sehr ein Kimono werden, dass ich es einsah und ihn befreite. Noch vor dem Frühstück begann ich mein Werk. Und fühlte mich dabei tatsächlich wie ein Bildhauer, der dem flüstern seines Materials folgt um ein Meisterwerk zu schaffen. Die Parallelen der Kunst in den sonstigen Aspekten des Lebens faszinieren mich immer wieder. „Künstler“  ist vielleicht im wesentlichen eine Haltung,  die den Zauber im Leben erkennt.

Und nun führen wir eine sehr glückliche, innige Beziehung, zuhause. Ich könnte mir nichts besseres vorstellen als ihn jeden Morgen überzuwerfen und mich sensationell gut darin zu fühlen. Kann man sich mehr wünschen? Und mit in den Urlaub und den ein oder anderen Wellnessbereich darf er sicher auch noch.

Ich werde jetzt also öfter dem Stoff lauschen was er werden möchte.

Ich habe da nämlich noch so ein Schätzchen…

Falls Ihr das Schnittmuster wissen wollt, das war gegoogelt und verschiedene Anleitungen zusammen geworfen. Wenn Ihr es genau wissen wollt, sagt Bescheid – dann beschreibe ich es noch. 

2 Kommentare

  1. So schön, fand ich ja schon auf den kleinen Vorschaubildern in Stuttgart! Sieht sehr luxuriös aus und ist doch ein kleiner Traum – sieht keinesfalls nach „Stoffliebe ohne Idee“ aus!

  2. Liebe Nico, was für ein wunderbarer Beitrag. Die Liebe zum Stoff wird darin förmlich spürbar – und Dein Kimono ist großartig geworden. So waren die großen Gefühle doch zurecht da :-) Am Sonntag ist bei uns auch Stoffmarkt – ich war noch nie dort. Ob mir auch so ein Herzensstoff über den Weg laufen wird, wie Dir? :-) Liebe Grüße, Karin

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