Reden, nicht nur für Mutige.

10.12.2015  |  Kommunikation  |  Autor: Nicole Gugger  |  0 Kommentare
„Die wirklich Schlimmes (üb)erlebt haben, erkennt man daran, dass sie es dir nicht vor die Nase halten, sondern dich davor bewahren wollen…“
@ScharfesF
Wieder mal ein Twitter-Zitat. Und meine spontane Reaktion:

Ja, das ist so. Und vielleicht ist das falsch.

Was bringt es, wenn wir denen mit den „normalen“ Lebensläufen eine heile Weilt inszenieren?
Es ist kein schönes Gefühl in ein betroffenes und oftmals sprachloses Gesicht zu schauen, nachdem man sich offenbart hat. Mal kommen bemitleidende Worte, die niemand braucht. Oder peinlich berührte Stille, die sich plötzlich in ganz andere Belanglosigkeiten flüchtet.
Brauchen wir das? Wollen wir das? Wohl kaum. Also lassen wir es.
Doch nutzt das trotzdem aussprechen irgendwem etwas? Vielleicht.

Wagen wir ein Gedankenexperiment.. was hat unser Gegenüber davon? Ein realistisches Weltbild. Die Schätzungen darüber wie viele Menschen in ihrem Leben traumatische Erfahrungen gemacht haben, bewegt sich je nach Quelle zwischen 40 und 60, manche sogar bei bis zu 90%. Die heile Welt gibt es also für ganz viele Menschen nicht. Ist es nicht fair, das nachvollziehbar zu machen? Wenn ich mich geöffnet habe, ist es mir häufig passiert, dass auch mein Gegenüber mir plötzlich ganz persönliche, tiefe Einblicke gewährt hat. Und schon entsteht eine Verbindung, ein Austausch der unglaublich wertvoll ist. Und der ohne den mutigen Schritt zur schonungslosen Offenheit nicht möglich wäre.

Doch was nutzt es einem Menschen mit einem weitgehend glücklichen Lebensweg, wenn ich erzähle wie auch sein kann? Verständnis. Dafür wie es auch laufen kann. Vielleicht auch was an Eigenheiten aber auch Fähigkeiten daraus entstehen kann. Wo kommt die kritische Reflexion, Vorsicht, Angst her. Vielleicht auch Dankbarkeit für die eigene Situation, das ist ein beglückendes Gefühl. Orientierung, durch das Wissen um einen Ansprechpartner, wenn man mit einem anderen Menschen in einer schwierigen Situation nicht umzugehen weiß.

Und was bringt es mir als Erzählendem? Ehrlichkeit, dadurch oft tiefe(re) Verbindungen. Freiheit. Es ist schwer zu beschreiben, aber es kann tatsächlich erleichternd sein, nicht mehr diese düstere Geschichte als Geheimnis mit sich rumzutragen. Akzeptanz der eigenen Historie gegenüber. Es ist ein unveränderbarer Teil von mir. Ich habe lediglich die Aufgabe etwas sinnvolles damit anzustellen.

Ich habe es gewagt, in vielen kleinen Schritten und zuletzt auf einer größeren Bühne. Und obwohl mir viele zuvor davon abgeraten haben, hat es nur positives nach sich gezogen. Auch Dankbarkeit, für Inspiration, für sich verstanden fühlen und vieles mehr. Die mir bekannten Menschen, die es ebenfalls gewagt haben, sind auch nur froh diesen Schritt gegangen zu sein.

(Allerdings nur unter der Bedingung selbst konstant in einem psychisch stabilen Zustand zu sein. Ansonsten sucht Euch bitte, bitte Hilfe.)

Welche Erfahrungen habt Ihr gemacht?



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