My two cents zum #hotpantsverbot

07.07.2015  |  ICHbewusst  |  Autor: Nicole Gugger  |  1 Kommentar

Eine Schule erstellt eine Kleidervorschrift und verbietet aufreizende Kleidung, z.B. bauchfreie Shirts und Hotpants …und die Welt regt sich auf. Natürlich ist es eine Tragik wenn per se unterstellt wird, Männer hätten sich nicht im Griff, sobald ein bisschen weibliche Haut zu sehen ist. Natürlich darf bei heißem Wetter niemand genötigt werden, lange, warme Kleidung zu tragen. Natürlich dürfen nicht die Mädchen dafür verurteilt werden, dass in unserer Gesellschaft was nicht stimmt.

Aber da stimmt was ganz gewaltig nicht.

Guckt Euch an den Schulen doch mal um. Ich bin immer wieder entsetzt, wenn 8 jährige für eine Tanzaufführung herausgeputzt werden, als hätten sie gleich einen Einsatz auf dem Straßenstrich. Und die bekommen dann von allen Seiten zu hören, wie hübsch sie aussehen. Das bleibt so für die nächsten Jahre. Vorbilder haben wir unter den Stars ja genug – möglichst lasziv und so unbekleidet wie möglich. Zählt mehr als inhaltliche Leistung. „Aber die unschuldigen 14 jährigen wissen doch gar nicht was sie da tun. Das ist doch nur modisches ausprobieren“.

Schön wärs! Ich frage mich, wer da naiv ist. Zu diesem Alter gehört eben auch dazu, dass man auf Konventionen pfeift, Grenzen ausreizt und den eigenen Vorteil sucht. Natürlich wissen die, welche Reaktionen sie damit erzielen können. Und das wird provoziert, ausgetestet und übertrieben. Und ausgenutzt. Mir haben die Lehrer an meinem Gymnasium in Berlin Kreuzberg damals schon leid getan. Natürlich müssen sie darüber stehen. Aber es nervt, wenn manche Schüler/innen es sehr wohl bewusst versuchen, das für eine Aufbesserung der Noten zu nutzen. Oder alternativ ihre Welt darum kreist, die Aufmerksamkeit der gleichaltrigen Platzhirsche zu gewinnen.

Muss das wirklich so sein?

Warum darf ich das als Schule nicht unterbinden? Eltern scheinen immer weniger einzugreifen, leider! Auch für Schuluniformen gibt es ja vernünftige Gründe. Aber so krass muss es doch nicht sein. Darf man nicht auch im Schulalter schon ein Minimum an professioneller Arbeitsatmosphäre einfordern? Sonst können wir uns doch auch einfach in Unterwäsche ins Büro setzen – warum nicht? Ist doch so heiß. (Nein, ich meine nicht das Homeoffice). Und wenn jemand FKK bevorzugt, ist doch seine Sache.  Sind doch die anderen Schuld, wenn die sich abgelenkt fühlen.
ICH WILL DAS NICHT! Völlig egal ob es einen Waschbrett- oder Waschbärbauch entblößen würde. Können wir mit Hilfe solcher Regeln in Institutionen nicht wenigstens ein kleines bisschen gegen unsere immer schrägere Gesellschaft angehen?

Und dieses visuell-körperliche „too much information“ Verbot gilt selbstverständlich für (fast) nackte Oberkörper bei Jungs und Mädchen, für herausguckende Pobacken, bei den Jungs eher oberhalb der Hose, bei den Mädels unten. Und natürlich bei Lehrern wie Schülern. Wär das wirklich so schlimm?

Ich bin definitiv das Gegenteil von einem konservativen Anzugträger. Ich mag Individualität. Und ein Finanzminister in T-Shirt auf Motorrad ist für mich völlig ok. Ändert an seiner Kompetenz nämlich gar nix. Aber nackte Haut und tiefe Einblicke finde ich im Job – und ja auch in der Schule – unangebracht. Punkt.



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Kommentare zu diesem Artikel

Daniel  |  7. Juli 2015 um 14:38 Uhr

Vielen Dank für diese klaren Worte – ich hatte schon irgendwie das Gefühl, alleine mit meiner Meinung zu sein. Irgendwie fehlt mir in diesem Themenkomplex ganz eindeutig das Miteinander und gegenseitige Verständnis in der Gesellschaft.

Problem 1: Wenn „mann“ bei knapper Bekleidung hinkuckt wird es meist als sexistisch gewertet. Auch das ist victim blaming…

Problem 2: Nicht jeder will am anderen Geschlecht „alles“ sehen. Auf beiden Seiten! Während sich Frauen lautstark über knietief hänge Hosen und Unterhemden-über-Bierbauch-Träger beschweren dürfen (m.M.n. zu recht :) ) ist es anderseits gleichzeitig Bevormundung, victim blaming, rape culture, wenn Männer etwas gegen (zu) freizügige Kleidung bei Frauen äußern.

Problem 3: Wer Gleichberechtigung und Freiheit fordert sollte bitte auch akzeptieren, dass dies auch für Männer gilt: Nicht nur Frauen wollen nicht sexuell belästigt werden – das gilt auch für Männer! Ja, manche Art der Bekleidung (und auch so manche Werbung) sind eine (visuelle) sexuelle Belästigung. Auch wenn es nicht ins Klischee passt – nicht jeder Mann möchte gern auf der Straße jedes „Schlafzimmerdetail“ sehen.

Problem 4: Ich möchte das bitte offen sagen dürfen, ohne das – weil ich ja ein Mann bin – genau daraus dann wieder ein „rape culture“-Angriff erwächst.

Der gesellschaftliche Konsens „nicht alles was möglich ist muss an auch tun“ zerbröselt leider immer weiter :(

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